Erysipel und Fragen

  • Hallo, ich bin neu hier und bin echt froh das ich dieses Forum gefunden habe. Ich hatte in diesem Jahr 6 Erysipel, immer am rechten Bein. Dreimal war ich deshalb stationär. 2011 hatte ich die Wertheim OP und seitdem ein Lymphodöm im rechten Bein, so würde es mir zumindest gesagt. Das Bein ist auch immer dicker als das andere und ich gehe einmal wöchentlich zur Lymphdrainage. Zudem trage ich den Strumpf. Das erste Erysipel hatte ich im Juni und danach jeden folgenden Monat. Ich bekam jedes mal Antibiotika für 10 Tage. Schliesslich bekam ich eine Überweisung zum Hautarzt. Wie die Untersuchung ergab habe ich gar kein Lymphodöm. Nun bekomme ich einmal im Monat für ein halbes Jahr eine Penicellin Spritze. Damit bin ich seit dreieinhalb Wochen Erysipel frei. Mir wurde gesagt, dass das Erysipel danach so schnell nicht wieder kommt. So recht kann ich das gar nicht glauben. Hat jemand ähnliche Erfahrungen gemacht und kann mir evtll. nützliche Tipps geben?

  • Liebe Bommel 123, das wichtigste wäre erst mal eine gesicherte Diagnose, vieles spricht ja für ein sec. Lymphoedem nach der Wertheim-Op und baldmöglichst eine stationäre Entstauung in einer lymphologischen Fachklinik. Ein gut entstautes Bein ist der beste Schutz vor Erysipel! Leider kann jedes neue Erysipel weitere Lymphgefaesse schädigen!

  • Eine optimale Besserung des Lymphödems durch eine Phase 1 der KPE erscheint erforderlich.( Stat. oder amb.) Sollte es dann weiter , was nicht wahrscheinlich ist, zu häufigeren Erysipelen kommen ist eine Antibiotikaprophylaxe für 1 Jahr sinnvoll.

    Gute Hautpfege: Desinfektion auch kleinster Verletzungen , Verwendung sauer gepufferter Waschlotionen und rückfettender Hautpflege ...


  • Hallo,Bommel 123,

    aufgrund welcher Diagnostik kommt denn Dein Hautarzt zu dem Schluß, es sei kein Lymphödem? So, wie Du es schilderst, spricht schon einiges dafür.

    Wenn Erysipele immer wieder ohne neue Eintrittspforte ( kleine Hautverletzung, Insektenstich o.ä.) auftreten, sind es sog. Rezidive: nach abgeklungener Infektion verbleiben Keime in den Lymphknoten, die bei schlechterer Abwehrlage wieder aktiv werden, dann flammt der Infekt wieder auf. Da hilft nur die langfristige Antibiotika-Gabe, so, wie Du sie auch bekommst.

    Außer guter Entstauung und konsequentem Tragen des Kompressionsstrumpfes kannst Du noch einiges dazu tun, Erysipele zu vermeiden:

    Das betroffene Bein nicht rasieren, nicht draußen barfuß laufen, Vorsicht beim Schneiden der Fußnägel, bei Problemen mit einwachsenden Nägeln zur Podologin gehen, im Sommer Insektenspray verwenden (z.B. nachts, wenn Du keinen Strumpf trägst).

    Vorsicht auch beim Umgang mit Hund oder Katze - Kratzer vermeiden!

    Wenn es doch zu einer Bagatellverletzung/Insektenstich kommt, mehrmals im Abstand von 2-3 Stunden mit Octenisept desinfizieren .

    Wichtig ist auch gute Hautpflege - am besten eine Lotion mit mindestens 5% Urea. Unbedingt jeden Abend nach dem Ausziehen eincremen!

  • Es wurden ja schon einige sehr hilfreiche Antworten für Sie gegeben bezüglich lymphologischer Abklärung und stationäre Entstauung. Da kann ich mich nur anschließen.


    Meinerseits vielleicht noch eine Ergänzung:

    Im Praxisalltag sehe ich immer wieder Lymphödempatienten, welche mit einer Vorgeschichte von mehrfach aufgetretenen Erysipelen (innerhalb einer sehr kurzen (Wochen, wenige Monate) vorstellig werden. Auf Nachfrage werden Antibiotikagaben von 7-10, in Ausnahmen 14 Tagen angegeben. Das ist m.M. nach (Begründung erfolgt am Ende meines posts) zu kurz und spricht dafür, dass wir nicht mehrere unterschiedliche bzw. neue Erysipele sehen, sondern immer die selbe Infektion, die durch die zu kurze Therapie nicht ausreichend behandelt worden ist.


    Warum passiert das? Ich kann nur vermuten, dass der eigentlich positive Trend, Antibiotika so kurz als möglich zu verschreiben, dazu führt. Für ansonsten "Gesunde (Immunkompetente), ist das auch sehr zu begrüßen. Bei Lymphödemen handelt es sich aber um eine lokale Problematik auch des Immunsystems. Manche Ärzte sprechen auch von einer lokalen "Immunsuppression", also einer lokalen "Unterdrückung" der Immunsystems. Da gelten andere Regeln der Behandlung!


    Weiters ist es sehr schwierig, vergleichbare Leitlinien für die Behandlung eines Erysipels bei Lymphödempatienten zu finden.

    Ich zitiere zB. aus der AWMF Leitlinie "S2k Leitlinie Kalkulierte parenterale Initialtherapie bakterieller Erkrankungen bei Erwachsenen – Update 2018"
    Seite 242, Thema Erysipel:

    Auf Seite 243 wird auf das rezidivierende (mehrfach wiederkehrende) Erysipel eingegangen. U.a. findet sich auch die Gabe eines Depotpenicillins in den Muskel in 2-6 wöchigen Abständen (Abstände können verlängert werden, wenn keine Erysipele mehr auftreten) so wie es bei ihnen jetzt durchgeführt wird!


    Für Lymphödempatienten ist mir das aber m.M. nach zu allgemein gehalten, bzw. werden diese komplett ausgeklammert und ich habe deswegen aktuell ein Konsenspapier der ALA (Australasian Lymphology Associoation) in Verwendung. Letzte Überarbeitung 2015.

    Zitat daraus, Seite 1:

    Zitat

    Antibiotics should be continued for at least three weeks or longer depending on progress. Redness of the area may
    persist after treatment

    Es wird also eine Therapiedauer von "mindestens" drei Wochen oder länger, je nach Ansprechen empfohlen.

    Um es nicht unerwähnt zu lassen, die Empfehlung von Erythromycin bei Penicillinallergie wird in Europa durch Clarithromycin ersetzt.


    Für Interessierte hier der link zum gesamten Papier der ALA:


    https://www.aogp.com.au/wp-con…ulitis-in-Lymphoedema.pdf


    Ich entschuldige mich für meinen langen Post, aber dieses Thema brennt mir persönlich unter den Nägeln!

  • Weiters ist es sehr schwierig, vergleichbare Leitlinien für die Behandlung eines Erysipels bei Lymphödempatienten zu finden.

    Das kann ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen!

    In diesem Zusammenhang habe ich noch zwei Quellen gefunden (zwar keine Leitlinien, aber auch interessant):

    Promotionsschrift von Pierre Allard, Straßburg 1999,

    Thema: "Zyklische intravenöse antibiotische Behandlung als effizientes Therapiekonzept rezidivierender Erysipele"

    und

    Prof.Dr. P.Altmeyer: "Online Enzyklopädie der Dermatologie, Venerologie, Allergologie und Umweltmedizin",

    Stichwort rezidivierende Erysipele


    Bei Penicillin-Allergie kann man auch auf Clindamycin oder Azithromycin zurückgreifen (wurde mir von der dermatologischen Universitätsklinik Magdeburg empfohlen).

  • Zitat

    Herr Dr. Killinger, gibt es Erfahrungswerte zu Resistenzbildung bei zu kurzer Antibiotikagabe speziell bei Erysipelen ?


    Mir ist keine Resistenzbildung, auch bei "kurzer Gabe" gegenüber Penicillin beim häufigsten Erreger eines Erysipels, nämlich der Beta- hämolysierenden Streptokokken Gruppe A bekannt.

    Man kann aber bei mehrfachem Erysipel, mit dem Verdacht auf Nichtansprechen oder anderes Keimsprektrum!, vor Antibiotikagabe eine aerobe und anaerobe Kultur anlegen, um so etwas auszuschließen. Das ist sicher nicht bei einem "Standard Erysipel" notwendig.

    Allerdings hatte ich auch schon Pat. bei denen zusätzlich zu Streptokokken auch Pseudomonas kultiviert werden konnte und somit eine doppelte Antibose mit Pencillin und Fluorchinolon (Ciprofloxacin) notwendig wurde.


    Bezüglich Resistenzen von Strepokokken, exemplarisch 2 Berichte meiner standortnahen Universität, der Klinik Innsbruck:

    2017, Seite 14, 25 Tests, 0% Resistenzen gegen Penicillin


    https://www.i-med.ac.at/hygien…Resistenzbericht-2017.pdf


    und 2011, Seite 17, 164 Tests, 0% Resistenzen gegen Penicillin


    https://www.i-med.ac.at/hygien…stenzbericht-2011-hmm.pdf